Zweiklassenmedizin

Wartezimmer

© Gabi Schoenemann (Pixelio)

Haben wir es nicht schon immer vermutet? Der Privatpatient wird gegenüber dem Kassenpatienten bevorzugt. Das bestreiten freilich die niedergelassenen Ärzte heftigst. Eine neue Studie aber untermauert diese Annahme. Sofern es sich nicht um einen Aprilscherz handelt, :lol: warten Kassenpatienten auf einen Termin beim Facharzt im Schnitt dreimal so lange, wie ein Privatversicherter. Für die Untersuchung hatten wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts, dessen Direktor der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ist, im Frühjahr 2006 insgesamt 189 niedergelassene Facharztpraxen im Raum Köln/Bonn/Leverkusen kontaktiert. Telefonisch gaben sich die Tester entweder als Kassen- oder als Privatpatienten zu erkennen gaben und baten um eine von fünf ausgewählten Untersuchungen. Der größte Unterschied in absoluten Zahlen ergab sich für die Magenspiegelung, auf die Privatpatienten im Durchschnitt 11,9 Werktage, Kassenpatienten aber 36,7 Werktage warten mussten. Am geringsten fiel der Unterschied bei den Hörtests aus, die bei Kassenpatienten nach 6,8 Tagen durchgeführt wurden, während Privatversicherte bereits 2,2 Tage nach dem Telefonanruf in die Praxen gebeten wurden.

Angesichts solcher erdrückenden Fakten hat die Bundesärztekammer inzwischen eingeräumt, dass es zu solchen “Verzögerungen” in der Tat kommen kann. Eine Änderung oder gar Lösung ist aber nicht in Sicht. Ich weiß nicht, wie es Euch geht… :roll: Mir wird da übel! Hoffen wir, dass es nur die schlechten Nachrichten sind und keine Magen-Darm-Grippe im Anmarsch ist, denn dann müsste ich zum Arzt… in vier Wochen! :twisted:

4 Kommentare

  1. Bigi
    01.04.2008

    Och, da kann ich dir Geschichten erzählen :twisted: Ich war im Januar beim Knochendoktor, weil ich akute Schmerzen hatte. Der hat mal da gedrückt, mal hier gezupft, dort gedreht….. dann wurde ich “eingerenkt” und mit den Worten entlassen: “So, jetzt gucken Sie mal obs besser wird. Wenn nicht, lassen sie sich einen Termin für April geben. Ich hab ja auch nur 2 Hände und der Terminkalender ist voll”….Meinem Gatten hat er das gleich gesagt und der war ca. 2 Wochen vor mir da….. Das wäre einer mir bekannten privatversicherten Person nicht passiert (wir haben den gleichen Knochendoktor)…..

  2. Micha
    03.04.2008

    Bigi, das glaub ich Dir aufs Wort. Ich kann Dir auch sagen warum: Privatpatienten werden nach der GOÄ (Gebührenordnung Ärzte) abgerechnet. Das heißt, da steht für jede Leistung ein fester Betrag in Euro, mit dem der Arzt rechnen kann. Anders gesagt: Nach einem Beratungsgespräch weiß der Doc genau: “Ich krieg dafür (ich sag mal) 40,- EUR.” Soweit so gut. Beim GKV-Patienten wird nach EBM (Einheitlicher Bewertungsmaßstab) abgerechnet. Dort steht drin, welche Leistung oder welches Leistungspaket wieviele Punkte (!) bringt. Alle Punkte, die von allen Ärzten in einem Quartal erbracht wurden, werden dann unter dem im Budget vorhandenen Geld aufgeteilt – also stark vereinfacht: Geld geteilt durch Punkte ergibt einen Punktwert. Anders gesagt heißt das: Der Arzt weiß zum Zeitpunkt der Leistungserbringung an einem GKV-Patienten nicht, was er am Ende dafür bekommt. Außerdem sind die EBM-Bewertung strenger reglementiert. So werden bestimmte Leistungen, die z.B. im Rahmen einer OP erbracht werden beim EBM nur als Paket vergütet, während über die GOÄ jede Handlung einzeln abgerechnet werden kann. Insofern sind Privatpatienten sehr viel lukrativer als gesetzlich Versicherte. Das ist auch der Grund dafür, warum man als GKV-ler nicht sofort einen Termin bekommt. Der Privatpatient bringt unkomplizierter mehr Kohle! Das ist einfach so!

    Ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis: Ein älterer Herr und eine ältere Dame haben beide kaputte Knie. Beide sollen ein künstliches Kniegelenk bekommen. Der Herr ist privatversichert, die Dame gesetzlich. Er hat seine OP nächste Woche und hat den Termin letzte Woche genannt bekommen. Sie versucht seit einem Vierteljahr einen Termin zu bekommen und wurde nun diese Woche wieder vertröstet auf Ende April. Man beachte: Die lassen sich im selben Krankenhaus behandeln! Soviel dazu… Ist Euch auch schon mal aufgefallen, dass gesetzlich Versicherte so schnell als möglich wieder aus den Krankenhäusern entlassen werden? Mein Vater ist nur wenige Tage nach seiner OP regelrecht rausgeworfen worden. Klar: GKV-Patienten bringen kein Tagegeld mehr! Je eher die raus sind, umso mehr Platz gibt’s für neue Patienten… oder eben Privatversicherte, bei denen man deutlich mehr abrechnen kann. ;)

  3. soulsilence
    03.04.2008

    Warum genau bringen GKV-Patienten keine Tagegeld mehr? Rechnet die Krankenkasse, an die ich das zahle, nicht mit dem KH ab? Oder kriegen die dann nur einen Teil davon?

  4. Micha
    03.04.2008

    Moment souli! Du meinst vermutlich die (ich glaube) 10,- EUR pro Krankenhaustag, die Du an Deine Krankenkasse zahlen musst?! Das hat mit dem Tagegeld nix zu tun. Das ist eine Zuzahlung an Deine Kasse, mit der Du quasi Deinen Krankenhausaufenthalt mitfinanzierst. Erst wenn Du länger als 28 Tage im Krankenhaus bleiben musst, entfällt ab da die Gebühr. Das heißt, da kommen im Extremfall “mal eben” 280,- EUR zusammen.

    Welche Zahlungen von wem an wen gezahlt werden müssen wird teils durch Verträge zwischen Ärzte und Krankenkassen, teils durch Gesetze geregelt. Dein niedergelassener Arzt rechnet (sofern er Kassenarzt ist) niemals direkt mit der Krankenkasse ab, sondern tut dies über seine Kassenärztliche Vereinigung (KV). Dieser Zusammenschluss aller Kassenärzte verhandelt als Körperschaft mit von den Ärzten gewähltem Vorstand und Vertreterversammlung mit den Kassen im Namen aller Ärzte. Wenn also Ärzte über das Honorarsystem klagen, beklagen sie im Großen und Ganzen Verträge, die sie selbst abgeschlossen haben! Fairerweise muss man anfügen, dass die politischen Rahmenbedingungen immer enger gezurrt und freie Vertragsgestaltung immer weiter eingegrenzt wird. Außerdem wird das KV-System inzwischen stark angezweifelt und es soll wieder möglich sein, dass EINZELNE Ärzte DIREKT mit Kassen Verträge abschließen dürfen. Wie das in der Praxis funktionieren soll ist schleierhaft: Wir haben mehrere hundert Kassen in der Bundesrepublik und unzählige, niedergelassene Ärzte. Wettbewerb hin, Bürokratie her… Wie soll da je ein durchschaubares System entstehen? Wir steuern damit eher auf das blanke Chaos zu!

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