Eine “echte” Sünde
Heutzutage wird das Wort “Sünde” kaum mehr verwendet. Immerhin ist es, seit Mose die Steintafeln bergab geschleppt hat, auch eher negativ belegt. Es hat mit Ver- und Geboten zu tun, damit was man darf und was man nicht soll. Klar, dass sowas unpopulär ist.
Eine “echte” Sünde ist aber, was alltäglich praktiziert und von uns allen mehr oder weniger mit unterstützt wird. Ganz selbstverständlich und ohne darüber nachzudenken, erwarten wir zu jeder Zeit (ganz gleich ob früh morgens oder spät abends), dass unser Bäcker stets frische Ware für uns zum Kauf bereithält. Um das sicherzustellen, wird ständig nachgebacken und da man vorher nie genau weiß, wieviele Brötchen oder Brezeln heute gekauft werden, wird produziert auf Teufel komm raus. Lieber zuviel als zu wenig, lautet dabei das Motto. Das Resultat bekamen wir bei einem Besuch im nahegelegenen Pferdestall zu sehen, mit dessen Besitzerfamilie wir gut befreundet sind. Eine ganze Pritschenladung voll Brote, Brezeln, Brötchen, Croissants, Baguettes… kurz: Backwaren aller Art. Diese Menge fällt an nur einem einzigen Tag bei nur einem einzigen Bäcker allein in unserem 5.000 Seelen-Dorf an! Man bedenke: Wir haben noch weitere Bäcker am Ort! Der Stallbesitzer bekommt die Ware vom Vorabend am Morgen darauf zu einem Spottpreis und verfüttert alles kurzerhand an seine Bullen und Pferde. Er sagt, ihm blute jedes Mal das Herz, aber so wisse er wenigstens, dass seine Tiere ein hervorragendes Futter abbekämen. Das Gebäck ist nicht etwa hart und verdorben. Wie das Foto zeigt sind glänzend frische Brezeln und (ich habe es mit dem Finger selbst getestet) fluffig, weiche Brote darunter.
Wir sind entsetzt und ich muss offen zugeben: Das ist eine “echte” Sünde! Ich darf mir gar nicht vorstellen, dass es sicher Gegenden gibt (vor allem Großstädte), in denen diese Menge an eigentlich noch guten Nahrungsmitteln einfach weggeworfen wird. Außerdem gibt es neben Bäckern auch noch Metzger, Gemüsehändler und Supermarkte, die sicher ähnliche Mengen an “Altwaren” übrig haben. Seither nehme ich den Lebensmitteleinkauf mit anderen Augen wahr und ich denke, wir werden unsere Ansprüche an “immer frischer Ware” überdenken. Anderswo in der Welt wären die Menschen dankbar, wenn sie auch nur halb so gute Ware ihr Eigen nennen könnten.






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