Wohnungsschau (Teil 1)
Heute ist noch einmal Großkampftag. Insgesamt sechs Interessenten für unsere “Noch-Wohnung” haben sich angekündigt. Das klingt nicht nach viel, aber wer schon mal eine Wohnungsschau mitgemacht hat, der weiß, dass man pro Interessent rund eine halbe Stunde einrechnen muss. Und so ist es kaum verwunderlich, dass wir schon seit heute Morgen um 8:30 Uhr fremde Menschen hier in der Bude haben. Da kommt man sich vor wie auf Burg Hohenzollern bei der Touristenführung. Zum Glück müssen wir nicht die Entscheidung darüber fällen, wer unser Nachfolger wird. Vor allem heute war wirklich alles dabei.
Begonnen hat alles mit einem älteren Ehepaar aus dem Osten Deutschlands. Wir haben ja nichts gegen Menschen aus den neuen Bundesländern. Wer aber im Baumarkt arbeitet und deshalb meint, bei einer Wohnungsbesichtigung alles begutachten zu müssen, der macht sich von Haus aus irgendwie unbeliebt. Da spielt es auch gar keine Rolle, ob er aus dem Westen, Osten oder aus dem Norden, Süden unseres Landes kommt. Dass sie aber trotzdem eine gute Wahl seien, unterstrich der Baugutachter damit, dass sie in der alten Wohnung schon öfter aktiv für Ruhe sorgten. Sie würden sowas immer gleich persönlich regeln und wenn’s sein muss schon auch mal die 110 wählen. Denn Ordnung müsse ja sein! Wenn das mal nicht die optimale Ergänzung zu Herrn Knolle wäre.
Die nächsten Interessenten war eine kleine Familie, sprich: Vater, Mutter, Kind. Schon beim Betreten der Wohnung erkannten wir Parallelen zu uns. Nicht nur das machte die drei wirklich symphatisch. Ein echter Lichtblick! Sie fanden die Wohnung auch sehr schön, genauso die Lage und die Aussicht… Genauso wie wir! Nur eben würde auch ihnen ein Zimmer mehr fehlen. Also: Leider zu klein!
Danach beehrte uns ein älteres Ehepaar, das mir schon auf den ersten Blick sehr komisch vorkam. Ich wette hier und jetzt einen Kasten Bier, dass mindestens einer der beiden Realschullehrer ist. Zumindest trugen beide die typische “Tracht”: Er trug eine erdfarbene Baumwollhose, äußerst breite Gesundheitshalbschuhe, ein rauhes Holzfällerhemd, das schon beim bloßen Anblick furchtbar kratzte und darüber eine braune, zerknautschte Wildlederjacke. Sie hingegen war in einen olivgrünen Rock gehüllt und trug darunter dasselbe Hemd wie er, darüber eine Art “Öko-Janker”. Farblich kann man dieses Outfit ganz leicht nachstellen: Man zieht für drei Wochen ein und dieselben Klamotten an und haust damit am Waldesrand – ohne Waschen natürlich. Durch die Witterung und die unberührte Umgebung färbt sich dann alles in genau demselben braun-grün-grau.
Sie fragte mit ihren schulterlangen, grauen und einem Reif gebändigten Haaren gleich als erstes, ob hier jemand im Haus Schlangen, Alligatoren oder Spinnen hielte. Er wollte wissen, ob man hier im Haus höre, wenn auf der Straße ein Auto vorbeifahren würde. Und last but not least berieten sie sich noch darüber, ob die Tapete nun hochwertig sei oder eher ein Billigprodukt. Das sei schon wichtig. Ich erwartete noch, dass sie die Umlenkung kosmischer Strahlen durch das Gebäude selbst diskutierten oder mit der Wünschelrute nach irgendwelchen Wasseradern suchten. Aber das blieb uns dann erspart…
Zuletzt besuchte uns noch ein junges Paar mit Kind. Sie erschien auf den ersten Blick noch ganz normal, er hingegen trug kurze Hosen und knallgelbe, leuchtfarbene Turnschuhe. Entschuldigung, wer trägt bei nicht mal 10 °C und wirklich kaltem Wind kurze Hosen mit Turnschuhen? :???: Sie fragte uns dann noch, ob es jemand im Haus gäbe, der damit Probleme hätte, wenn der noch kleine Sohn “ab und zu seine fünf Minuten” hätte. Wären wir ehrlich gewesen hätten wir sagen müssen: “Hannah hat eigentlich sehr, sehr selten sowas wie ‘fünf Minuten’, eckt aber trotzdem ständig bei Herrn Knolle an.”
Damit konnten wir die Mittagspause einläuten. Ab 16 Uhr geht’s dann weiter mit dem zweiten Teil des “bunten Panoptikums”. Natürlich werden wir hier darüber berichten, ob dann Quasimodo oder gar die Frau ohne Unterleib hier vorbeischaut.






Tja, sagen wir mal so: mit den Leutchen aus dem Osten Deutschlands hätte Herr Knolle endlich Nachbarn in seiner Altersklasse… Verbündete sozusagen
- endlich keine nöhlenden, Unrat verursachenden Kleinkinder mehr
- endlich Sonntagmittags kein nervendes Geschaukel vor dem Balkon
- endlich kein Kinderwagen mehr im Hausgang
- endlich jemand der nicht zu nachtschlafender Zeit von der Disco nach Hause kommt
- endlich niemand der Silvester feiert
- vielleicht sogar jemand der seinen Most zu schätzen weiß
…blöd nur, dass die Leutchen aus dem Osten Deutschlands ein Enkelkind von ca. 2 Jahren haben :razz: