Pietät
Heute Morgen, als ich zur Arbeit fuhr und zwar durch einen Wald und in einer Kolonne, hinter einem Lastwagen her, kam der ganze Tross plötzlich zum Stocken. Ich sah zwar schon vorher etwas auf der Straße liegen, konnte aber nicht genau erkennen was es war. Der LKW, der den Bremsvorgang einleitete, schaltete die Warnblinkanlage ein und kam schließlich zum Stehen. Der Fahrer stieg aus und zog seine Arbeitshanschuhe an. Dann zog er einen toten Dachs von der Fahrbahn. Ein wunderschönes, mächtiges Tier, mindestens so groß wie ein mittelgroßer Hund, mit beeindruckendem Fell und herrlicher Zeichnung. Natürlich kam eine gewisse Traurigkeit in mir hoch. Ja, es tat mir schrecklich leid um dieses einzigartige Wildtier, das da einfach zum falschen Zeitpunkt die Fahrbahn überqueren wollte. Vor allem aber spürte ich eine echte Wut in mir hochkommen. Klar, es ist einfacher und vor allem bequemer, sich vom Acker zu machen, wenn man ein Tier totfährt. Ich verstehe auch, dass man Angst vor Polizei, Jägern oder sonst was hat, denn immerhin ist das An- oder Totfahren von Wildtieren “Sachbeschädigung”.
Wer sich nach so einem Wildunfall davonschleicht begeht Fahrerflucht! Das ist mir alles klar. Deswegen rege ich mich aber nicht auf. Es ist einfach geschmacklos ein totgefahrenes Tier so achtlos und dazu noch mitten auf der Straße liegen zu lassen. Auch wenn es “nur” ein Tier ist, es hat eine Würde und ich bekomme jedesmal Gänsehaut, wenn ich total plattgefahrene Lebewesen irgendwo auf der Straße liegen sehe. Mir täte es ja schon leid, wenn ich “nur” eine kleine Kröte überrollen würde.
Bisher habe ich in meiner Autofahrerkarriere nur mal einen Fuchs gestreift, der des nachts aus einem Gebüsch gesprungen kam. Ich bremste voll, aber es reichte nicht mehr. Unmittelbar nachdem ich mich vom Schrecken erholt und kapiert hatte, was da eben passiert war, fuhr ich das Fahrzeug an den Straßenrand und suchte nach dem Tier. Es war nirgendwo mehr zu finden. Ich hoffe bis heute, dass es der Fuchs überlebt hat und nirgendwo elend und allein verenden musste. Ich hätte, selbst unter Zwang, nicht weiterfahren können. Ich hab deshalb auch eine halbe Ewigkeit nach ihm gesucht.
Insofern war der Lastwagenfahrer heute Morgen mein Held. Er hatte Mitleid mit dem Dachs und zog das schwere Tier von der Fahrbahn und legte es wenigstens am Seitenstreifen ins höhere Gras. An dieser Stelle nochmal ein dickes Dankeschön, im Namen des Dachses… sozusagen.







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