Im Reich der Sinne
Inzwischen wohnen wir schon wieder drei Monate, also immerhin ein Vierteljahr, in der neuen Wohnung. Langsam aber sicher kennen wir die Umgebung ganz gut. Man beobachtet und nimmt wahr. Manchmal ganz bewußt und neugierig, meist aber rein zufällig… aber nicht minder neugierig.
Irgendwie lässt uns das Gefühl nicht los, dass wir in einer Gegend wohnen, die besondere Reize zu wecken scheint. Die Menschen um uns herum fröhnen nahezu ausnahmslos Leidenschaften, die viel mit Sinnlichkeit und Körperlichkeit zu tun haben. In gewisser Weise scheint das hier eine Art Reich der Sinne zu sein.
Da wäre der liebe Herr Nachbar, der zu allen möglichen Tageszeiten seinen Rasen mäht, vertikutiert, düngt, sprengt, pflegt, ausdünnt, walzt… All das natürlich immer dann mit freiem Oberkörper, sobald das Thermometer an den 22 Grad kratzt. Offenbar scheint ihm beides in Kombination eine ungeahnte Lustbefriedigung zu verschaffen.
Dann gibt es noch “die Neue”, die erst vor einigen Wochen im Haus gegenüber eingezogen ist. Stets sportlich und “süüüß” gekleidet steht sie zu jeder Tages- und Nachtzeit stundenlang auf ihrem Balkon, raucht und telefoniert angeregt mit ihrem Handy. Abends schart sie meist mehrere “total coole” Typen um sich, die allesamt irgendwelche Muster ins eh schon kurze Haar rasiert haben. Offenbar scheint ihr das einen gewissen Kick zu geben. Und so vergnügt sie sich, meist auf dem Balkon und rauchend… so, dass man sich fragt, warum sie die ganze Wohnung und nicht nur den Balkon gemietet hat. Vielleicht sucht sie aber auch nur nach einem (Ersatz-)Vater für ihre beiden Kinder, die immer irgendwie nebenher rumwuseln und nicht wissen, ob sie überhaupt dazugehören. Seit gestern flirtet sie wild mit einem jungen Herrn aus dem Haus nebenan. Von Balkon zu Balkon werfen sie sich heiße Blicke zu, er stemmt sich zudem meist breitarmig auf das Geländer, um sein “super-tolles Muskelspiel” zu präsentieren, sie fährt sich ständig durch’s Haar und kratzt sich rein zufällig so am Bauch, dass ihr T-Shirt leicht nach oben rutscht und ihren “ach so flachen, tollen Bauch” entblößt. Seit einer halben Stunde, so berichtete mir Katrin eben am Telefon, haben es sich die beiden nun weitaus bequemer gemacht als von Balkon zu Balkon. Auf einer Gartenbank lümmeln die beiden nun in der Sonne herum und flirten wie wild, berühren sich hier und da rein zufällig und lachen und shakern und… Dass der junge Herr eine Freundin hat, die ihn hin und wieder abholt, ist nicht zwingend erwähnenswert.
Und dann wären da noch “die Russen”. Nichts gegen Russen! Im Gegenteil! Aber “diese” Russen sind der Hammer! Meist rotten sich mehrere Familien, die hier alle in der Umgebung zu wohnen scheinen, auf der einen, kleinen Terrasse zusammen. Dort machen sie es sich gemütlich und tratschen, trinken und spielen meist Karten. Das geht so am Wochenende und unter der Woche. Diese Leute sind beneidenswert, weil sie so unbeschwert und freudig ihre Tage vollbringen – ganz egal, ob es Feiertag ist oder nicht. Da ist immer was los und alle scheinen glücklich und vergnügt zu sein.
Wir sitzen mit unseren Mitbewohnern im Haus irgendwie mittendrin und amüsieren uns.
Das ist besser als Fernsehen oder Theater, weil es ungefiltert und spannend – vor allem aber, weil es die Realität ist. Ja, so einen gewissen Voyeurismus beherbergt wohl jeder von uns in sich… ob man es nun eingestehen will oder nicht.
Manchmal (und vor allem in Momenten wie jetzt) frage ich mich aber, ob ich etwas falsch mache. Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, schau raus in die sonnendurchflutete Waldlandschaft gegenüber und überlege mir, warum ich nicht da drüben sitze oder noch besser zu Hause bin und halb nackt Rasen vertikutiere, auf Gartenbänkchen flirte wie Casanova, laut schnatternd auf dem Balkon Karten spiele oder einfach nur bei meinen beiden Mädels bin.






Eine kleine Anmerkung zu obigem Bericht: wir wohnen NICHT in einem Nudistencamp
nicht das da falsche Eindrücke entstehen und JA, wir haben (manchmal) auch Besseres zu tun als uns über die Nachbarn zu amüsieren :grin: aber es ist halt auch so schöööön, den Irren bei ihrer Freizeitbeschäftigung zuzugucken. Besagter, entblößter Nachbar bearbeitet übrigens gerade das nicht vorhandene Moos seiner Gehwegplatten mit einem Hochdruckreiniger