Das Phänomen “Paul Potts”

Die weltberühmte Arie “Nessun dorma” aus Puccinis Oper “Turnadot” ist zweifellos eines der am schwersten zu singenden Stücke, die jemals geschrieben wurden. Kein anderer als Luciano Pavarotti sang und singt dieses Meisterwerk so brilliant und klar, so unbeschwert und mitreißend. Immer wieder bekomme ich Gänsehaut, wenn ich “den Meister” diese Arie singen höre.

Umso erstaunter war die Jury der englischen Sendung “Britain’s Got Talent”, als ein gewisser Paul Potts ankündigte, er wolle nun “Oper” vorsingen. Damit meinte er eben jene Arie “Nessun dorma”! Nicht genug, dass er rein äußerlich überhaupt nicht aussah, als könne er auch nur ansatzweise einen dieser schweren Töne treffen. Nein, die Tatsache, dass er ein Handyverkäufer aus Südwales ist, ließ die Erwartung auf eine furchtbare Darbietung eines bisher aus gutem Grund unentdeckten Laien wachsen. Und dann legte Paul los… einfach so:

Natürlich ist diese Darbietung meiner Meinung nach noch immer nicht zu vergleichen mit Pavarottis Brillianz. Im direkten Vergleich zu beispielsweise diesem Auftritt (atemberaubend!!!) wird klar ein Unterschied deutlich. Aber man muss auf jeden Fall sehr deutlich hervorheben, dass es sich hierbei um keinen Profi wie Pavarotti, sondern “eigentlich” um einen blutigen Laien handelt! Gerade deshalb ist es einfach umwerfend, wie dieser unscheinbare Mann mit seiner Stimme überzeugt und reihenweise Gänsehaut fabriziert. Allein schon die Mimik der Jury und zuletzt sogar das eine oder andere vergossene Tränchen zeugen davon, dass hier ein neuer Star entdeckt wurde. Unglaublich, dass so jemand bisher nirgendwo in Erscheinung getreten ist. :roll:

Scheißtag

Irgendwie ist heute wieder einer der Tage, an denen man am liebsten gar nicht aufgestanden wäre. Und wie immer an solchen Tagen fällt mir Laiths Lied “Keine Macht dieser Welt” ein, das (mal wieder) den Nagel auf den Kopf trifft:

Es raubt mir den Mut,
lässt nichts unversucht,
lässt mich zweifeln, trübt meinen Blick.

Was ich beginn,
fällt wieder hin,
Stück um Stück.

Warum will dieser Tag,
dass ich ihn nicht mag,
nicht mehr weiß für wen und was?

Unglaublich unglaubwürdig

Die Empörung ist groß und viele fordern nun den Rücktritt von Frank Bsirske, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft “Ver.di”. Was hat er denn Schlimmes getan? Nun, mitten im Arbeitskampf seiner Gewerkschaft mit der Lufthansa genehmigt er sich vergünstigte “First Class”-Tickets in die Südsee von eben dieser Lufthansa. Diese erhielt er vom Unternehmen selbst, weil (und jetzt kommt der eigentliche Hammer) er dort “nebenberuflich” als Aufsichtsrat tätig ist. Rein sachlich ist dieses Vorgehen vollkommen legitim! Die Frage ist nur, ob das moralisch so in Ordnung geht. Wie kann ein Vertreter der Arbeitnehmer nebenberuflich die Interessen der Arbeitgeber verfolgen? Wie kann ein Gewerkschaftschef Vergünstigungen einer Fluggesellschaft annehmen, wenn er zeitgleich einen Arbeitskampf gegen diese führt? Da fragt man sich doch wirklich: Ist der Mann so dreist und glaubt, dass diese Diskrepanzen niemandem sauer aufstoßen? Sind Leute seiner Klasse wirklich so egoistisch, dass ihnen alle moralischen Grundsätze egal sind? Der Verdacht drängt sich zumindest auf. :roll: So richtig witzig zynisch klingen da jetzt seine Entschuldigungen.

Als “kleiner Hanswurscht” hat man leider immer mehr den Eindruck, dass die “Großen” (die aufgrund ihrer Position auch wesentlich mehr Möglichkeiten haben) immer noch größer werden wollen und den “Kleinen” immer noch mehr abverlangt wird. Wo soll die Reise denn noch hingehen? Ich jedenfalls könnte mir keinen Flug in die Südsee leisten… auch dann nicht, wenn er teilweise gesponsert würde! :neutral: Dafür kann ich aber noch immer jeden Morgen in den Spiegel schauen, ohne mich schämen zu müssen. :smile:

Und täglich grüßt…

Irgendwie hängen wir in einer Endlosschleife fest. :mrgreen: Ganz so wie im kirremachenden witzigen Film mit Bill Murray, wiederholen sich hier sogar mehrmals täglich dieselben Szenen. Unvorsichtigerweise habe ich hier den “Bananenblues” von Äffle und Pferdle zum Besten gegeben. Hannah hat sich das auch angeschaut und will nun stääändig den “Nanebuse gucken”. Ich kann das Ding nicht nur in- und auswendig (“Hafer ist was, was man haben muss. Er macht das Traben trabenswert…” :shock: ), sondern es geht mir auch so dermaßen auf den Sack auf die Nerven! :lol:

Gestern dann, als meine Eltern (sprich: Hannahs Großeltern) zu Besuch waren, kam die Ernüchterung: “Jaaa, das kennen wir doch irgendwoher! Du warst da ganz genauso!” Diese Aussage an sich war nicht verwunderlich, denn ich kannte den “Bananenblues” ja wirklich aus meiner eigenen Kindheit. Aber dieses Grinsen…! :eek: Ich habe meinen Vater noch nie so grinsen gesehen. Ob das Genugtuung war? :idea:

… und jetzt ist das Wochenende wieder vorbei und ich sitz hier im Büro. :???: Das hat auch was von “Und täglich grüßt das Murmeltier”. :sad: Naja, es wird ja bald wieder Wochenende und es gibt auch noch sowas wie Urlaub. :mrgreen: Dann schauen wir von morgens bis abends den “Nanebuse”… und weil ich jetzt sowas wie heimelige Athmosphäre brauche, guck ich mir das Ding gleich nochmal an. :lol:

Lessing – “Der über uns”

Dass klassische Lyrik nicht nur steif und altbacken sein muss, das beweist ausgerechnet Gotthold Ephraim Lessing. Eigentlich war mehr das Drama sein Metier und umso erstaunlicher und witziger ist das folgende Gedicht. Wenn man bedenkt, dass es (wie er) aus dem 18. Jahnundert stammt ist es nicht nur beinahe schon pornografisch, sondern auch noch gotteslästerlich. Aber das störte ihn nicht und so entstand ein Werk, das ganz klar zu einem meiner Lieblingsgedichte zählt.

Gotthold Ephraim Lessing – “Der über uns”

Hans Steffen stieg bei Dämmerung (und kaum
Konnt er vor Näschigkeit die Dämmerung erwarten)
In seines Edelmannes Garten
Und plünderte den besten Äpfelbaum.
Johann und Hanne konnten kaum
Vor Liebesglut die Dämmerung erwarten,
Und schlichen sich in eben diesen Garten,
Von ungefähr an eben diesen Äpfelbaum.

Hans Steffen, der im Winkel oben saß
Und fleißig brach und aß,
Ward mäuschenstill, vor Wartung böser Dinge,
Daß seine Näscherei ihm diesmal schlecht gelinge.
Doch bald vernahm er unten Dinge,
Worüber er der Furcht vergaß
Und immer sachte weiter aß.

Johann warf Hannen in das Gras.
»O pfui,« rief Hanne; »welcher Spaß!
Nicht doch, Johann! – Ei was?
Oh, schäme dich! – Ein andermal – o laß –
Oh, schäme dich! – Hier ist es naß.« – –
»Naß, oder nicht; was schadet das?
Es ist ja reines Gras.« –

Wie dies Gespräche weiter lief,
Das weiß ich nicht. Wer brauchts zu wissen?
Sie stunden wieder auf und Hanne seufzte tief:
»So, schöner Herr! heißt das bloß küssen?
Das Männerherz! Kein einzger hat Gewissen!
Sie könnten es uns so versüßen!
Wie grausam aber müssen
Wir armen Mädchen öfters dafür büßen!
Wenn nun auch mir ein Unglück widerfährt –
Ein Kind – ich zittre – wer ernährt
Mir dann das Kind? Kannst du es mir ernähren?«
»Ich?« sprach Johann; »die Zeit mags lehren.
Doch wirds auch nicht von mir ernährt,
Der über uns wirds schon ernähren,
Dem über uns vertrau!«

Dem über uns! Dies hörte Steffen.
Was, dacht er, will das Pack mich äffen?
Der über ihnen? Ei, wie schlau!
»Nein!« schrie er: »laßt euch andre Hoffnung laben!
Der über euch ist nicht so toll!
Wenn ich ein Bankbein nähren soll:
So will ich es auch selbst gedrechselt haben!«

Wer hier erschrak und aus dem Garten rann,
Das waren Hanne und Johann.
Doch gaben bei dem Edelmann
Sie auch den Äpfeldieb wohl an?
Ich glaube nicht, daß sies getan.