Der vermeintliche Kinderpornografie-Blocker

Stoppschild des BKAKeine Frage: Kinderpornografie zählt zu den widerlichsten, abstoßendsten und schlimmsten Verbrechen, die Menschen verüben können. Es ist die oberste Pflicht von uns allen, gegen derartige Auswüchse vorzugehen. Das schulden wir unseren Kindern, die die Eltern von morgen sind. Insofern klingt der neueste Vorstoß unserer Familienministerin Ursula von der Leyen (wieder einmal) faszinierend: Kinderpornografische Internetseiten sollen bei deren Aufruf schon vom jeweiligen Internetprovider geblockt werden. Dadurch soll schon der Zugang zum illegalen Material versperrt werden. Heute nun wurde ein entsprechender Vertrag mit den fünf größten deutschen Internetprovidern unterzeichnet. Dadurch sollen täglich rund 450.000 derartiger Zugriffe auf illegale Seiten geblockt werden. Die gesetzliche Grundlage hierfür fehlt zwar noch, aber Frau von der Leyens Aktionismus sei Dank wird es diese bald schon geben.

Wie immer, wenn etwas so uneingeschränkt famos und genial klingt, werde ich als politikverdrossener mündiger Bürger hellhörig und hinterfrage die Sache. Wie soll so ein Internetblocker technisch realisiert werden? Wer legt wie fest, was geblockt werden soll und was nicht? Und vor allem: Wie effektiv und sicher ist so ein Blocker? Derartige Eingriffe haben immer auch den faden Beigeschmack von Zensur.

Die aktuellen Pläne sehen einen sogenannten DNS-Blocker vor. Um ihn zu verstehen, muss man sich die grundlegende Funktionsweise des Internets vor Augen führen: Internetseiten werden auf Webservern abgespeichert, von wo sie aufgerufen werden können. Damit die Internetsurfer zur Webseite finden, bekommt jeder Webserver eine Art Hausnummer, die IP-Adresse. Da es sich dabei um eine bloße Ziffernfolge handelt, die sich kein Mensch merken kann, gibt es sogenannte Domains (z.B. www.vollmer-blog.de). Diese Domains fungieren als eine Art Wegweiser. Wer eine Domain aufruft, startet de facto eine Anfrage bei einem DNS-Server. Dort ist hinterlegt, zu welcher IP-Adresse die Domain führen soll. Genau hier setzt der Kinderporno-Blocker an: Vom BKA wird eine Sperrliste geführt, auf der Domains mit illegalem Inhalt vermerkt sind. Die Provider konfigurieren nun ihre DNS-Server so, dass die Domains nicht zur beabsichtigten IP-Adresse, sondern zu besagtem Stopp-Schild (siehe oben) führen.

Wie effektiv ein DNS-Blocker ist, macht folgender Gedankengang klar: Es können unzählige, minimal abweichende Domainnamen zu ein und demselben Webserver führen. Sind alle nach und nach geblockt, registriert man weitere und verbreitet diese. Schon ist der Zugriff wieder möglich. Darüberhinaus kann man Webseiten auch direkt über IP-Adressen aufrufen. Ein Beispiel: Wer würde vermuten, dass sich hinter 74.125.39.147 die Suchmaschine Google verbirgt? Würde die Domain www.google.de also gesperrt, könnte man die Seite ganz leicht auch weiterhin über die genannte IP-Adresse direkt aufrufen. Ein solcher DNS-Blocker gleicht also dem Kampf gegen Windmühlen und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, auf Dauer völlig wirkungslos zu sein. Wenn man schon so eine Zensur einführen möchte, dann doch bitte auf technisch schlüssigem Niveau. Die Briten machen es uns vor: Hybride Webseitenblocker, die gleichzeitig auf unterschiedliche Art und Wiesen funktionieren, sind effektiver, weil sie ganze IP-Adressbereiche und Domainkombinationen blocken können. Aber der Kampf gegen Spammails zeigt: Jeder Filter hat seine Schwächen und läuft Gefahr, auch harmlose und somit gewollte Inhalte zu blocken. So einfach ist das alles leider nicht – zumal sich die Kinderporno-Szene aktuellen Analysen zufolge mehr und mehr wieder auf “klassische Vertriebswege” (z.B. Briefpost und Handy) verlagert. :roll:

Der Chaos Computer Club (CCC) geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht von Erpressung der Provider und von einem Verstoß gegen das Grundgesetz. Ganz gleich, welche Worte man für die aktuelle Aktion wählt. Vor dem oben geschilderten Hintergrund, ist sie völlig unzureichend und somit wirkungslos. Den Kampf gegen Kinderpornografie kann und muss man unterstützen, aber willkürliche, sinnlose Zensur ist strikt abzulehnen. Ich bin mir aber sicher, dass es Frau von der Leyen wieder hinbekommt, dass ihr das als großen Verdienst angerechnet wird.

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