Du lebst in uns

Wie Katrin an anderer Stelle schon erzählte, ereilte uns Ende letzten Jahres kein schönes Schicksal. Unser zweites Baby, Hannahs Geschwisterchen, war nur wenige Gramm schwer und aus rein medizinischer Sicht nicht mehr als ein “Zellklumpen”. Eine Hand voll Leben, das lange vor der Geburt endete; so früh, dass das Kind nach deutschem Recht keinen Anspruch auf einen Namen, eine Geburts- und Sterbeurkunde besaß, nicht mal auf ein Grab. Im Herzen seiner Eltern wird das Kleine aber immer seinen Platz haben.

Erst viel zu spät haben wir erfahren, dass unser Baby nicht, wie vor einigen Jahren noch üblich, zusammen mit abgenommenen Raucherbeinen organischem Klinikabfall als Sondermüll entsorgt wurde, sondern auf dem Reutlinger Friedhof Römerschanze eine Ruhestätte gefunden hat. Die würdige Begräbnisstätte für die Allerkleinsten, zugleich ein Ort der Trauer und des Erinnerns für die verwaisten Eltern, ist unverständlicherweise nirgendwo ausgeschildert und für unwissende Eltern wie uns nur eher schwer zu finden. Unter uralten Bäumen am Südrand des Friedhofes ragt eine zunächst merkwürdig erscheinende Skulptur empor, die die Trauer der Eltern, die Lücke, die der Verlust des erwarteten Kindes reißt, aber auch die Hoffnung, die den Tod überwinden kann symbolisiert. Der Ort strahlt eine merkwürdige Ruhe und Gelassenheit aus, von der man sich unwillkürlich anstecken lässt. Vielleicht ist es aber auch einfach nur eine gewisse Art von Trost, die wir dort spürten. Immerhin gibt es nun plötzlich einen Bezugspunkt, einen versinnbildlichten Platz der Trauer und des Abschieds. Das was unserem Kind und uns vorenthalten wurde, nämlich ein Platz mitten im Leben, scheint nun wenigstens einen kleinen “Ersatz” gefunden zu haben. Das ist für Katrin wie für mich ein wichtiger Schritt in unserer insgeheim immer noch kaum verminderten Trauer.

Um ein Kind zu trauern, das man nie im Arm halten konnte – das ist nicht leicht. Loslassen, Abschied nehmen und ein Stück weit erleichtert nach Hause gehen – dabei soll der Gedenkplatz helfen. So war auch der symbolische Teil der Einweihungsfeierlichkeiten im Jahre 2004 zu verstehen: Jeder sollte einen Stein am Gedenkplatz niederlegen – und stattdessen eine Feder mitnehmen. Auch wir haben einen kleinen Gedenkstein vorbereitet, den wir dort ablegen werden – und stattdessen werden wir unsere imaginäre “Feder”, unser Baby mitnehmen… in uns… für immer.

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