Taktisches Wählen

Am kommenden Sonntag findet die Bundestagswahl statt. Wieder einmal geht es turbulent zu und die Demoskopen überschlagen sich nahezu täglich mit neuen Umfrageergebnissen und Analysen. Allesamt machen es dem “kleinen Wähler” nicht unbedingt einfacher, seine Stimmen so zu vergeben, dass das von ihm Gewollte auch erreicht wird. Wie soll man nun also wählen? Aus purer Überzeugung? Taktisch und wenn ja, wie? Wieso und wofür vergibt man eigentlich bei der Bundestagswahl zwei Stimmen? Welche der beiden ist “wichtiger” und welche besagt letztlich im Wahlergebnis was?

Hand aufs Herz: Die meisten Wahlberechtigten fühlen sich auch deshalb verunsichert, weil sie diese Fragen nach wie vor nicht mit absoluter Sicherheit beantworten können. Es ist ja auch nicht ganz einfach: Erststimme, Zweitstimme, Überhangmandate, Sitze, Wahlkreise, Fünf-Prozent-Hürde… Um die “richtige” Wahl zu treffen, muss man sich damit aber auseinandersetzen. Sonst kann es passieren, dass man zwar eine Stimme abgibt, diese aber “Falsches” bewirkt. Die neuen Trends hin zum Fünf-Parteien-System vereinfachen die Situation nicht wirklich!

Zunächst einmal also ein paar grundlegende Fragen und deren Antworten:

Wie sieht der Stimmzettel am Sonntag aus?
Der amtliche Stimmzettel hat zwei Spalten. In der linken findet man jede Menge Namen von Personen und deren Parteizugehörigkeit. Das ist die sogenannte Erststimme. In der rechten Spalte findet man lediglich die Parteien, die zur Wahl stehen. Das ist die Zweitstimme. In jeder der beiden Spalten hat man je nur eine Stimme.

Was bewirkt die Erststimme?
Mit der sogenannten Erststimme wählt man eine Person, die sich im jeweiligen Wahlkreis um den Einzug in den Bundestag bewirbt. Man hat damit also Einfluss darauf, WER aus dem persönlichen Wahlkreis im Parlament sitzen wird.

Was bewirkt die Zweitstimme?
Über die Zweitstimme wird ermittelt, wie stark die einzelnen Parteien im Bundestag vertreten sind. Wer mehr Stimmen erhält, bekommt auch mehr Sitze für Abgeordnete. Man hat damit also Einfluss darauf, wie “mächtig” eine Partei im Parlament ist.

Was ist die Fünf-Prozent-Hürde?
Damit das Parlament nicht aussieht wie ein bunter Flickenteppich ziehen nur die Parteien in das Parlament ein, die mit der Zweitstimme mehr als fünf Prozent aller Stimmen erreichen.

Was sind Überhangmandate?
Nehmen wir einmal an, eine Partei gewinnt mit den Erststimmen in zehn Wahlkreisen. Demzufolge müssen zehn Personen dieser Partei auch im Bundestag sitzen. Wenn das prozentuale Ergebnis bei den Zweitstimmen für dieselbe Partei aber nur neun Sitze hergibt, bleibt eine Person auf der Strecke. Damit sie trotzdem im Parlament Platz findet, erhält sie ein sogenanntes Überhangmandat.

Nun stellt sich also die Frage: Wie muss ich wählen, damit meine Interessen Gehör finden? Zunächst einmal sollte man sich informieren, welche der zur Wahl stehenden Parteien die meisten Übereinstimmungen in grundätzlichen, politischen Fragen mit der eigenen Meinung haben. Weil das Wälzen von Parteiprogrammen eher ermüdend als informativ sein dürfte gibt es clevere Tools wie den Wahl-o-maten. Danach sollte man sich informieren, wer in seinem Wahlkreis der aussichtsreichste Direktkandidat ist. Am einfachsten ermittelt man das anhand der Erststimmen aus dem Wahlergebnis von 2005. Nun haben wir also zwei wichtige Informationen, die für die Entscheidungen bei der Erst- und Zweitstimme hilfreich sind.

Erststimme
Machen wir uns nichts vor: In den allermeisten Fällen ist diese Stimme praktisch bedeutungslos. Warum? Weil es traditionell so ist, dass bestimmte Wahlkreise deutlich eine Partei bevorzugen. So ist der Süden Deutschlands eher CDU/CSU-lastig, während Länder wie Brandenburg, Bremen oder Hamburg eher SPD-lastig sind. Trotzdem oder gerade deshalb sollte man bei der Erststimme taktisch vorgehen. Will man eine dieser “übermächtigen” Parteien eher schwächen, sollte man bewußt den aussichtsreichsten Gegner wählen – unabhängig davon, ob dieser überwiegend mit den eigenen politischen Interessen übereinstimmt. Damit reduziert man die Chance auf die wertvollen und damit wichtigen Überhangmandate (die rein rechnerisch sogar Wahlen entscheiden können!). Will man hingegen die “Übermacht” einer Partei stärken, wählt man natürlich diese. Und warum sollte man hier nicht die “kleine Lieblingspartei” wählen? Weil sie bei der Besetzung der Parlamentssitze keinerlei Rolle spielt und somit keinerlei Bedeutung hat.

Zweitstimme
Diese Stimme ist insofern wichtiger, weil sie direkt die Machtverteilung im Bundestag bestimmt und letztlich deutlich mehr Gewicht hat. Natürlich stimmt hierbei grundsätzlich das Credo: Die Zweitstimme bekommt die Partei, die am meisten mit mir übereinstimmt. Handelt es sich dabei um eine Partei, die vermutlich nicht über die Fünf-Prozent-Hürde kommt, “verschenkt” man zwar die Stimme in Bezug auf die Sitzuverteilung im Bundestag, man kurbelt damit aber die Fünf-Prozent-Hürde nach oben. Anders ausgedrückt: Eine Partei benötigt mehr Stimmen, um fünf Prozentpunkte zu erreichen. Damit wird es vor allem für andere “kleine” Parteien schwieriger überhaupt in den Bundestag einzuziehen.
In ganz bestimmten Situationen bietet sich aber auch eine rein taktische Stimmabgabe an. Wenn beispielsweise der gewünschte Koalitionspartner der eigenen Lieblingspartei an der Fünf-Prozent-Klausel zu scheitern droht, sollte man lieber dem “kleinen Bruder” die Stimme geben. Damit stärkt man die Wunschausrichtung der eigenen Partei und bremst “Zwangskoalitionen” aus, die nur eingegangen werden, weil nichts anderes mehr übrig bleibt (Stichwort: Große Koalition).
In ganz speziellen Fällen kann die Zweitstimme einer Partei sogar schaden! Das gilt eigentlich nur für die o. g. Länder, in denen eine Partei eine gewisse “Übermacht” hat. Dort droht ein sogenanntes “negatives Stimmgewicht“, was ggf. einen Mandatsverlust zur Folge hat. Wer das in jedem Fall verhindern möchte, sollte die Zweitstimme ebenfalls dem Lieblingskoalitionspartner seiner präferierten Partei schenken.

Die Ausführungen hier zeigen, dass so eine Bundestagswahl doch sehr viel komplizierter ist, als das sein müsste. Im übrigen sind einige Begleiteffekte dieses Durcheinanders vom Bundesverfassungsgericht inzwischen sogar als verfassungswidrig deklariert worden. Bis zu einer Neuregelung durch die Politik müssen wir aber damit leben. Ich hoffe daher, mit meinem Beitrag hier, der auf umfangreichen Recherchen basiert, ein wenig weitergeholfen zu haben. Wer noch mehr wissen möchte, der kann sich hier weiter informieren:

  • wahlrecht.de
    Sehr gute Erläuterungen und unabhängige Empfehlungen zur Bundestagswahl
  • bundeswahlleiter.de
    Ergebnisse sämtlicher bisheriger Bundestagswahlen
  • wikipedia.org
    Wiki-Beitrag zur Bundestagswahl
  • wahl-o-mat.de
    Ein super Tool zum unabhängigen Ermitteln seiner “Lieblingspartei”

Eine kleine Anmerkung zum Schluss: Ich bin weder Politologe noch gehöre ich irgendeiner Partei an. Ich will auch niemanden beeinflussen oder drängen. Ziel dieses Beitrags ist, Verunsicherten die langwierige Recherche zur Bundestagswahl zu ersparen und ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Vor allem aber möchte ich aufzeigen, wie wichtig es ist, wählen zu gehen. Jede Stimme zählt und jede Stimme bewirkt etwas! Also: Geht wählen! ;)

1 Kommentar

  1. Katrin
    22.09.2009

    Gehirnjogging im ganz großen Stiel :razz:

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