Einblicke in die Milchwirtschaft
Es ist schon einige Wochen her. Im nahegelegenen Pfullingen fand damals eine Art “Tag der offenen Tür” bei den umliegenden Bauernhöfen statt. Mit an Traktoren angehängten Planwagen konnte man von Hof zu Hof kutschieren und die einzelnen Betriebe besichtigen. Dabei schauten wir uns einen Hof an, der sich der Milchproduktion verschrieben hatte. In einer beängstigend großen Halle (als Stall würde ich das schon gar nicht mehr bezeichnen) leben Arsch an Arsch eng nebeneinander zusammengepfercht unzählige Kühe, deren Scheiße Exkremente vollautomatisch über ein Seilzugsystem abtransportiert wird. Erschreckend viele Tiere weisen Pilzflecken auf. Katrin kennt diese Art von Hauterkrankung in ähnlicher Form von Pferden. Die Kälbchen dürfen nicht bei ihren Müttern bleiben, sondern werden in einen eng mit Gattern abgegrenzten Bereich gesperrt. Einige wenige Tiere kamen in den Genuss, auf einer Wiese zu weiden. Das ist ein wahrer Glücksfall, denn der Gestank in dem “Stall” war unerträglich. Mir zog es unwillkürlich die Atemwege zusammen.
Es ist nicht etwa so, dass ich ein empfindlicher Stadtmensch bin, der den Geruch von Ställen und Tieren nicht ertragen kann. Im Gegenteil: Seit wir auf der Alb wohnen und Hannah sich für jedwede Art von Bauernhof interessiert, haben wir schon den ein oder anderen Einblick bekommen. Der Eindruck an jenem Sonntagnachmittag war erschütternd und zum ersten Mal brachte ich den Streit um den Milchpreis in Kontext damit, was diese Art von Massenproduktion für die Tiere bedeutet. Es ist ein marktwirtschafliches Gesetz, dass Überschuss den Preis senkt. Wer einzig und allein auf die Milchproduktion setzt und sie in einer derart perfiden Weise bis an die Grenzen des Machbaren ausreizt, braucht sich nicht wundern, wenn er mittelfristig auf der Strecke bleibt.
Es ist in meinen Augen geradezu zynisch, dass die Milchbauern nun von der EU 280 Millionen Euro Krisenhilfe erhalten sollen. Da wird auf Teufel komm raus produziert, Überschüsse in den Gulli gekippt, weder nach links noch nach rechts geschaut und dann auch noch gejammert. Es geht auch anders: Mir sind zwei Betriebe bekannt, die eben nicht ausschließlich auf einen Erwerbszweig bauen. Neben der Bullenzucht werden da Schafe, Hühner, Schweine gehalten und sogar Pferde in Pension genommen. Ein anderes Beispiel setzt neben des “normalen” Hofbetriebs auf den “Zoocharakter” und lädt zu Kindergeburtstagen, Betriebsfeiern oder einfach nur Besichtigungen in ländlicher Idylle ein. Es geht also auch anders!








Diese Art der Tierhaltung nennt sich tatsächlich “Milchwirtschaft”, denn ein befreundeter Landwirt, bei dem ich schon seit Jahren mein Pferd stehen hab, hat eine sogenannte “Mutterkuh-Wirtschaft” oder auch “Bullenzucht”. Hier dürfen die Kälbchen bei der Mama bleiben bis sie ca. ein halbes Jahr alt sind. Außerdem sind sowohl Kühe, Kälbchen als auch Zuchtbullen den ganzen Tag auf der Wiese – sommers wie winters. Selbstverständlich werden die Bullen bzw. ein Jahr alten Kälber geschlachtet. Aber sie haben ein besseres Leben als diese armen Milchkühe!!
Reine Milchbauern hin oder her, ich würde für den Liter Milch definitiv auch mehr bezahlen.